Gregor Ehmer
MSc UZH Psychologie · BSc Mathematik (i.A.)
Als Psychologe weiss Gregor, dass Lernerfolg nie nur am Denken hängt, sondern auch daran, wie sicher man sich fühlt. Er setzt gerne Alltagsintuition ein, um zu zeigen, dass Abstraktes sie nur widerspiegelt.
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Ausbildung
Interview
mit Gregor Ehmer
Was fasziniert dich besonders an der Mathematik?
Mich fasziniert an der Mathematik, dass sie eine eigene Sprache ist und präziser als jede andere. Eine Formel ist wie ein Satz mit Bedeutung. Die meisten scheitern nicht am Denken, sondern daran, dass sie Vokabeln lernen, ohne je einen Satz lesen zu können. Im Unterricht reizt mich der Moment, in dem jemand eine Gleichung nicht mehr als fremde Zeichen sieht, sondern als Aussage, die er selbst formulieren kann. Von da an spricht er die Sprache, statt sie zu fürchten.
Wie gestaltest du deine Freizeit?
Ein fester Teil meiner Woche ist das Schwimmen. Die Bahnen sind für mich der beste Ausgleich zum vielen Denken am Schreibtisch und oft der Moment, in dem sich ein festgefahrenes Problem von selbst löst. Daneben lese ich viel, am liebsten Biografien und psychologische Sachbücher, weil mich beides aus unterschiedlichen Richtungen mit derselben Frage beschäftigt, nämlich wie Menschen denken und verstehen. Diese Neugier hört bei mir nicht beim eigenen Fach auf, und genau das gebe ich gern auch im Unterricht weiter. Neugier endet nicht im Klassenzimmer, sondern ist eine Haltung.
Was zeichnet in deinen Augen eine gute Lehrperson aus?
Eine gute Lehrperson erklärt nicht einfach besser, sie findet zuerst heraus, was jemand wirklich nicht versteht. Viel Unterricht beantwortet eine Frage, die der Schüler gar nicht hat. Gerade in Mathematik kann man nichts voraussetzen und muss jedes Mal aufs Neue herausfinden, wo das Denken ansetzt, nicht wo meines steht. Das halte ich für das Entscheidendste überhaupt: genau hinhören, bevor man erklärt, und erkennen, ob jemand am Stoff hängt oder an der Unsicherheit davor. Am Ende soll der Schüler selbst denken, nicht die Lehrperson für ihn.
Welche didaktischen Techniken findest du besonders wirksam?
Am wirksamsten finde ich, den Schüler früh selbst produzieren zu lassen, statt ihm vorzurechnen. Aus der Lernpsychologie ist gut belegt, dass man Stoff behält, wenn man ihn aktiv abruft, nicht, wenn man ihn nur noch einmal liest. Ich lasse deshalb oft erklären, was wir gerade getan haben, oder eine Aufgabe laut durchdenken, bevor ich eingreife. Das macht aus passivem Nachvollziehen eigenes Können. Daneben gehe ich gern vom konkreten Beispiel zur Regel. Erst ein Fall, den jemand selbst löst, dann die Verallgemeinerung. So hängt das Prinzip an etwas, das er bereits verstanden hat.
Was möchtest du deinen Schülerinnen und Schülern durch deinen Unterricht mit auf den Weg geben?
Der grösste Teil des konkreten Stoffs ist in ein paar Jahren vergessen, und das ist in Ordnung. Was bleiben soll, ist die Erfahrung, etwas selbst geknackt zu haben, das zuerst verschlossen wirkte. Wer einmal erlebt hat, dass ein schweres Thema durch eigenes Nachdenken zugänglich wird, geht das nächste anders an, auch ausserhalb des Fachs. Mir geht es deshalb weniger um die einzelne Note als um dieses Zutrauen, das auf echtem Können beruht und nicht auf Zuspruch. Wenn jemand am Ende weniger Angst vor dem hat, was er noch nicht versteht, habe ich das Wichtigste erreicht.