"Matura für alle" – Eine unsinnige Idee.

13. Mär 2017 /

Stellungnahme zum Interview mit Andreas Pfister im Tages-Anzeiger vom 9. März 2017: „Ich plädiere für eine Matura für alle“.


Der an Bildung interessierte Leser kann in den Medien immer wieder mit interessanten Beiträgen von Andreas Pfister rechnen, doch im Interview im Tagi anfangs März finden sich Aussagen, die nicht unwidersprochen sein dürfen.

Individuelle Bildungsmöglichkeiten

Einer der grössten Vorteile des schweizerischen Bildungssystem heute ist sicher die Differenziertheit und das hohe Mass an Durchlässigkeit zwischen allen Bildungsgängen. Vor Einführung der Berufsmittelschule hatten Jugendliche im Wesentlichen die Wahl, eine Berufslehre zu machen oder das Gymnasium zu besuchen, man war also eher praktisch begabt oder strebte nach einer akademischen Ausbildung. Diese sehr enge Sicht von beruflichen Perspektiven haben wir glücklicherweise längst überwunden. Je nach persönlicher Reife, Interesse und intellektuellem Potenzial entdecken junge Menschen früher oder später, dass Bildung Spass und Sinn macht und dem Leben neue Horizonte eröffnet. Viele Wege führen bekanntlich nach Rom, und so wird der schulmüde, aber engagierte „Praktiker“ nach der absolvierten Berufslehre unter Umständen über die BMS an eine Fachhochschule gelangen oder via Passerelle sogar an der ETH landen. Hier von einem „Gebastel“ zu sprechen, ist abwegig.

Die Stärken des dualen Bildungssystem

Es wäre völlig unsinnig, schulmüde Menschen mit 15 oder 16 Jahren in der Schule zu behalten und irgend eine Form von Matura machen zu lassen, wie das Andreas Pfister fordert. In der Regel freuen sich gerade diese Jugendlichen, endlich ins praktische Leben treten und in den Betrieben konkretes Wissen und Fertigkeiten erlernen zu können. Alles zu seiner Zeit und der individuellen Entwicklung und Neigung des jungen Menschen angepasst, das gilt auch für gewichtige Schritte in der Ausbildung. Zudem ist das „lebenslange Lernen“ ein Allgemeinplatz unserer Zeit geworden, auch Absolventen einer Berufslehre sind im raschen technologischen Wandel an ihrem Arbeitsplatz permanent gefordert, neue Kenntnisse zu erwerben.

Über den Wert und den nachweisbaren Erfolg des dualen Berufsbildungssystems (inkl. tiefer Jugend-Arbeitslosigkeit) in der Schweiz muss man wohl nicht mehr debattieren. Die US-Botschafterin in Bern wurde nach der Wahl des neuen Präsidenten gefragt, was sie aus der Schweiz mit nach Hause nehme – klare, kurze Antwort: das duale Bildungssystem.

Ärztemangel als Folge von fragwürdigem Numerus Clausus

Dass wir den Ärztemangel in der Schweiz bisher durch die Einwanderung von im Ausland ausgebildeten und qualifizierten Ärzten zu beheben versuchen, hat nichts mit der zu geringen gymnasialen Maturitätsquote zu tun, sondern mit der fragwürdigen Selektion durch die eidgenössischen Medizinalprüfungen sowie mit dem Mangel an geeigneten Studienplätzen. Aber die Problematik wurde von den Bildungsbehörden erkannt und dürfte sich in naher Zukunft entschärfen. Die Maturitätsquote den umliegenden Ländern anzupassen, ist unnötig, entwertet die Berufslehre und müsste mit einer Senkung des geforderten Niveaus oder einer Aufweichung des weltweit einzigartigen Fächerkanons an unseren Gymnasien erkauft werden.


Daniel Meile
Geschäftsführer LearningCulture


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